vorab erschienen im link Saarecho 13/8/2006

Das Erbe der Tempelritter im Saarland (III)

"Der Lump wird's schon richten"

Wer Großhumpendorf kennt, ist von der welthistorischen Bedeutung des Saarlandes überzeugt

Von Claude Michael Jung

Erstmals urkundlich erwähnt wurde Großhumpendorf im Jahr 444 v. Chr. als Familiensitz der Schlendriane, einem Rittergeschlecht aus der Bronzezeit. Mit seinem Charme und seinen malerischen Winkeln ist ein Besuch des Dorfes zu allen Jahreszeiten ein romantisches Ereignis. Ännchens Kneipe am Dorfbrunnen ist der Mittelpunkt des Ortes. Hier soll schon Karl der Große seine Windeln gefüllt und Johann Wolfgang von Goethe den legendären Ausspruch "Mir deucht, ich bin besoffen" vom Stapel gelassen haben. Seit der Schwedenkönig Gustav Adolf im dreißigjährigen Krieg im Großhumpener Dorfbrunnen ein Vollbad genommen hat, um seinen Kater zu vertreiben, werden dem kalten, glasklaren Quellwasser wundersame Kräfte nachgesagt, die heute noch zahlreiche an schwerem Kater erkrankten Patienten aus dem In- und Ausland an die Pilgerstätte ziehen.

Als sich die Gräfin Marianne von der Leyen Großhumpendorf in ihre Grafschaft einverleiben wollte, kam es zum Aufstand. Die Großhumpendorfer verbarrikadierten ihr Dorf mit Kuh- und Schweinemist und bewarfen die Abgesandten der Gräfin solange mit Pferdeäpfeln, bis diese den Rückzug antraten. Das Scharmützel von Großhumpendorf wird heute noch alljährlich auf der Freilichtbühne am Sportplatz als historisches Theaterstück von Laiendarstellern aufgeführt. Hier im Ort ist Politik verpönt, Parteien gibt es nicht. Wo es lang geht, bestimmt seit 25 Jahren Bürgermeister Edgar Lump zusammen mit den Honoratioren des Dorfes.

Berühmt wurde Großhumpendorf bis weit über die Grenzen der Region hinaus durch die fulminanten Sonntagspredigten von Pastor Friedensreich Selighauer, der bekannt dafür ist, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, wenn es um Recht und Gerechtigkeit geht. Pastor Selighauers Wort zum Sonntag wird nicht nur regelmäßig vom Lokalfernsehen übertragen, sondern ist auch die am besten besuchte Großveranstaltung im gesamten Bistum. "Wer von Selighauer sein Fett weg bekommt, ist für sein Leben lang gründlich bedient", ist am Hauptportal der Pfarrkirche Sankt Donner und Doria in großen Lettern zu lesen. Angeblich wurde die Schmiererei von heidnischen Jusos aus der mit Großhumpendorf verfeindeten Nachbargemeinde Schlemmerbach dort angebracht, was die Schlemmerbacher Jusos jedoch vehement und beim Vollbart von Karl Marx bestreiten.

Garant für die Großhumpendorfer Erfolgsstory ist vor allem der parteilose Bürgermeister Edgar Lump. Großhumpendorf ist derzeit die einzige saarländische Gemeinde die schuldenfrei ist und obendrein noch über ein beträchtliches Vermögen auf der Sparkasse verfügt. Vor einigen Jahren ist Bürgermeister Lump der ganz große Coup gelungen, als er die Feldwege rund ums Dorf zu Fahrradwegen erklärte und dafür bei Wirtschaftsminister Hanspeter Georgi die Hand für eine größere Fördersumme aufhalten konnte. Auch Fördermittel zur Illumination der alten Müllkippe, die kurzerhand zur Touristenattraktion erklärt wurde, flossen in die Großhumpendorfer Gemeindekasse. Derzeit stehen noch Fördermittel zur Beleuchtung des Dorfteichs und zum Bau eines Sesselliftes zum Wasserfall aus. Noch ist es das große Geheimnis von Bürgermeister Lump, wo er den Wasserfall, zu dem der Sessellift führen soll, hernehmen will, jedoch "Der Lump wird�s schon richten", ist allenthalben im Ort zu hören.

Lumpen waren es, die die Geschicke des wundervollen romantischen Saardorfs seit Jahrhunderten leiteten. Ein Lump war hier immer Bürgermeister, ist in der Chronik des Ortes nachzulesen. Chronist der Großhumpendorfer Geschichte ist Studienrat Ernst Nonsens. Ihm ist es zu verdanken, dass die geschichtlichen Vorgänge in und um Großhumpendorf seit der Steinzeit lückenlos aufgezeichnet wurden. So auch der Bau des Großhumpendorfer Bahnhofs, an dem niemals ein Zug angehalten hat. Es gab zwar einen Bahnhofsvorsteher, einen Fahrkartenknipser, ein Stellwerk und einen Schrankenwärter - und alle hatten eins gemeinsam, einen geruhsames Arbeitsleben. Lediglich einmal versammelten sich die Großhumpendorfer an ihrem Bahnhof: Der Sonderzug mit Kaiser Wilhelm II. im Salonwagen fuhr vorbei, und die Großhumpendorfer sollten der Kaiserlichen Majestät mit einem sauberen Taschentuch zuwinken und ein Ständchen bringen. Dies geschah auch, die Dorfkapelle blies zwar aus Leibeskräften, jedoch aus Versehen, wie es bis heute heißt, das falsche Lied: In die empfindlichen Ohrmuscheln des Kaisers drangen die Klänge der Marseillaise, das Lied des Feindes. Erschrocken befahl Wilhelm "Volldampf voraus", er dachte wohl, er sei schon in Feindeshand und ließ sich nie wieder bei seinen Untertanen in Großhumpendorf blicken.

Genau dokumentiert Ernst Nonsens auch die aktuellen Vorgänge im schönsten Dorf Europas. Als vor einigen Wochen der saarländische Kultusminister Jürgen Schreier "Hitzefrei" in den Schulen des Landes abschaffen wollte, stellte sich Fräulein Zickig - sie legt Wert auf die Anrede Fräulein, da sie stets im Zölibat gelebt hat - einfach quer. Mit dem bekannten Gedicht von Ernst Nonsens: "Dreißig Grad im Schatten - Wir schwitzen wie die Ratten - Unser letzter Schrei - HITZEFREI" auf den Lippen organisierte die resolute Jungfrau die erste Demo, die Großhumpendorf je erlebt hat. Die Schule wurde geschlossen und der Unterricht wurde ins Freibad verlegt. "Basta", meinte sie, und für den Kultusminister hatte sie nur noch das bei allen beliebte "Götz-Zitat" übrig, das allerdings gleich mehrfach.

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