30/1/2008

Die große Flut von 1784

Großhumpendorfer Sperrmüll zerstört Saarbrücker Saarkran

Der am 4.März 1784 vom Großhumpendorfer Jahrhunderteisberg zerstörte Saarkran wurde nach historischen Plänen und Stichen in den Jahren 1989-1991 als technisches Denkmal auf seinem ursprünglichen Fundament wieder hergerichtet
Foto: SaarKurier

Von Claude Michael Jung

Großhumpendorf im Sommer des Jahres 1784. Das war ein strahlend blauer Himmel, blühende Wiesen, eine Rekordernte was Grummbeere und Braugeste anbelangte. Das waren aber auch prächtige Bäuche, und wieder einmal ein geburtenstarker Jahrgang. Bürgermeister Emanuel Lump, ein Urahn des heutigen Kommunechefs Edgar Lump, - sie nannten ihn Emma, - wurde in diesem denkwürdigen Jahr, der elfte Panns (neudeutsch: Sohn) geboren.

Das Erntedankfest war schon damals einer der Höhepunkte des Jahres an der oberen Saar. Reichlich hatte man sich auf der Gemarkung der, mit Großhumpendorf bereits seit Jahrhunderten verfeindeten Gemeinde Schlemmerbach, mit Brennholz für den Winter versorgt. Sogar die, aus der Pfalz zum Frondienst angereisten Knechte waren glücklich darüber, solch großartigen Herren, wie den Großhumpendorfer Bauern, Handwerkern und Gelehrten, dienen zu dürfen.

Dem Bernhardiner Mönch Salvator, er war in der gottesfürchtigen Gemeinde für die Beichte und die Sonntagspredigt zuständig, fiel es als Erstem auf, dass den Dorfhunden schon frühzeitig ein besonders dickes Fell heranwuchs. Einem Dackel wuchsen sogar Dauerwellen, so dass niemand mehr recht erkennen konnte, ob er gerade zum Sturm ansetzte, oder wieder mal Fluchtgedanken hegte.

Das Alarmsignal, dass ein besonders harter Winter bevorstand, beherzigten jedoch die Großhumpendorfer, dank ihrer unermesslichen Weisheit. Unter dem Kommando von Bürgermeister Emma Lump, sattelte die Großhumpendorfer Landwehr ihre Pferde und Esel zur wiederholten Bekehrung der Schlemmerbacher Erbfeine. Mit dem Kampfruf: „Geben ist seliger, denn nehmen”, sammelte das kleine Heer in Feindesland sämtliche Sauerkrauttöpfe, sowie Käse und Speckvorräte ein. Selbst Hochprozentiges, dass die Schlemmerbacher immer brauchten um sich Mut anzutrinken, wanderte mit dem Segen des Bernhardiner Mönch Salvator, in die Obhut der bewaffneten Großhumpendorfer Missionare.

Schon zu beginn der Adventszeit herrschte Hochbetrieb auf der Großhumpendorfer Rodelbahn, die von der Humpenburg hinunter an das Ufer der Saar führte. Als der Nikolaus im Dorf erschien war der große Fluss bereits zugefroren. Ännchens Kneipe am Dorfbrunnen blieb in dieser Zeit recht leer. Das ganze Dorf tanzte und feierte auf der zugefrorenen Saar. Mit Fackeln beleuchtete Imbissbuden, die auch Grog, Glühwein und die, in Schlemmerbach eingesammelten Schnapsvorräte unters Volk brachten, reihten sich am Saarufer bunt aneinander.

Der Wintersport erlebte an der oberen Saar seinen ersten Boom. Zur ersten aktenkundig gewordenen Schneeballschlacht der Geschichte kam es zwischen der Großhumpendorfer Jugend und einer Auswahl Mönche, die auf dem Weg nach Rom war. Die Kuttenträger vergaben den Großhumpendorfer Töchter und Söhnen, das ihnen angetane Leid und segneten die Sieger sogar noch mit zahlreichen lateinischen Kraftausdrücken. „Auf das vorgesehene Festbanquette und die ihnen angebotene Revanche verzichteten die unsportlichen Mönche,” ist in der Großhumpendorfer Chronik von Studienrat Ernst Nonsens nachzulesen.

Bis Faasenacht (Karneval) dauerte die strenge Frostperiode und das Wintervergnügen an. Die Großhumpendorfer Kaufmannschaft befürchtete bereits, dass der Vorrat an den Beutegetränken zur Neige gehen könnte, wenn Väterchen Frost noch bis zum Beginn der Großhumpendorfer Passionspiele verweilen würde.

Dann aber überzog zu aller Ɯberraschung, das kräftige Azorenhoch Schlendrian weite Gebiete Mitteleuropas. Krokusse streckten über Nacht ihre Köpfe aus der Erde hervor und sangen die ersten Frühlingslieder. Die meterdicken Eisschichten auf der Saar brachen mit lautem Getöse auseinander und warmer Regen übergoss reichlich das obere Saartal. Die Sonne ermunterte den großen Strom des Saarvolkes über die Ufer zu treten und die reinigende Kraft seines glasklaren Wassers zum großen Frühjahrsputz zu nützen.

Saarbrücken meldete: „Land unter”. Die Stadt am Fluss war weitgehend überschwemmt. Die Saar tummelte sich auf dem Sankt Johanner Markt, sowie in den gesamten flacheren Gegenden der Stadt. Gelassen versenkte ein vorbei treibender Eisberg, auf dessen Gipfel noch die Fahne der Großhumpendorfer Winterolympiade wehte, ein Dutzend Lastkähne, die an der Berliner Promenade fest gemacht hatten. Mit einer weiteren, in Bewegung geratenen Eisscholle, trieb sogar eine Fressbude samt gut gelaunter Kundschaft von Großhumpendorf nach Saabrigge.

Das große Glücksgefühl für die Saarbrücker löste allerdings der dritte Eisberg aus, der die Stadt am Fluss erreichte. In aller Eile hatten Putztruppen der Gemeinde Großhumpendorf tonnenweise den, während der Winterolympiade angefallenen Sperrmüll auf seinen Rücken gepackt und dem Eisberg dann, im Namen von Bürgermeister Emma Lump, bis nach Saarbrücken, immer eine handbreit Wasser unter dem Kiel gewünscht.

Am 4.März 1784 erreichte der Großhumpendorfer Jahrhunderteisberg, samt seiner wertvollen Fracht mit Schlingerkurs die Saarmetropole. Donnernd krachte das Ungetüm im Saarbogen in den dort errichteten Saarkran, der zum Umladen der Waren von den Saarschiffen auf Karren und Fuhrwerke diente. Die Kranen-Sozietät, die das alleinige Nutzungsrecht am Kran hatte ging durch den Totalschaden pleite.

Trotzdem herrschte nach der Ankunft des Jahrhunderteisberg große Freude bei der Saarbrücker Bevölkerung. Die „Stadtzeitung Saarbrücken” titelte: „Endlich – Weihnachten und Ostern sind am 4.März 1784 zusammengefallen”. Bauklötzte staunten die Saarbrücker über die Gaben, die ihnen der Großhumpendorfer Supereisberg so reichlich spendiert hatte. Zum ersten mal sahen sie Holzkohlegrills und Schwenker, jene Werkzeuge auf denen alle Saarländer noch heute ihr berühmtes Schaukelfleisch zubereiten und ihre Würstchen bruzzeln.

Auch sprach man an jenem denkwürdigen 4.März 1784 in Saarbrücken zum ersten mal von einem Saarspektakel. Ausgelöst wurde das Spektakel von den zahlreichen, zum Teil noch halbvollen Bier und Weinfässern, die der großzügige Eisberg von der oberen Saar anlandete. Nur einen Tag später titelte die „Stadtzeitung Saarbrücken”. „Großhumpendorfer Spendenfreudigkeit löst Frühlingsrausch der Massen aus”.

Au, den 30. Januar 2008

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