21/1/2007

Vom Ende der Tempelritter an der Saar

Teil I Teil II

Der Schlendrian geht, der Lump kommt

Von Claude Michael Jung

Als im späten Mittelalter viele Ritter verarmten und ihren Unterhalt nur noch durch Raubüberfälle auf Bürger und Bauern bestreiten konnten, war das Ende der edlen Panzerreiter eingeläutet. Die ritterliche Kultur ging endgültig zu Ende, als im 15. Jahrhundert die Feuerwaffen aufkamen und die Ritterschaft ihre ursprüngliche Funktion als Krieger verlor. An der Saar aber konnten sich die edlen Ritter noch fast zwei Jahrhunderte behaupten. Hier waren es die Templer, die Arme Ritterschaft Christi vom salomonischen Tempel (Pauperes commilitones Christi templique Salomonici Hierosalemitanis), die es wie kein anderer Ritterorden verstanden Feste und Orgien zu feiern. Die an der oberen Saar lebenden Schlendriane, ein Rittergeschlecht das bereits in der Bronzezeit die Hochkultur an der Saar von einem Höhepunkt zum anderen führte, hat bis heute hier die Menschen geprägt und wenn es etwas zu feiern gibt sind die Grenzen zwischen einer Fete und einer Orgie, gerade was die Region an der oberen Saar anbelangt, durchaus noch immer fliesend.

Unter Tempelritter Schlendrian dem Mächtigen begann die Blütezeit der Humpenkultur. Das Bier wurde neben Jesus Christus als das allein selig machende verehrt. Zu jeder ordentlichen Pfarrkirche gehörte damals ein Wirtshaus und die Gebote des Wirts wurden ebenso befolgt wie die zehn Gebote des Herrn. «Es lebe die Liebe, das Essen, der Suff, der tägliche Beischlaf, der Papst und der Puff!» Nach dieser Devise lebten die Saartempler und mit ihnen das gesamte Volk glücklich und zufrieden.

Im Verlauf des dreißigjährigen Krieges übernahm mit Tempelritter Schlendrian dem Nixnutz, der letzte Templer das Zepter in der Humpenburger Region. Schlendrian der Nixnutz aber war das Produkt eines völlig sinnlos verbrachten Beischlafs. Er war einfach aus der Art geschlagen, er verlangte Reformen von seinem Volk. So wurden die Humpenburger gezwungen Freitags Spinat zu essen. Er verlangte von ihnen zu fasten, ja sogar ihren Bierkonsum zu reduzieren. Um Mitternacht schon musste Ännchens Kneipe am Dorfbrunnen schließen und sogar die Fronleichnamsprozession durfte nicht mehr in dem beliebten Gasthaus enden. «Der Nixnutz ruiniert uns noch alle», war allenthalben zu hören. Als Ritter Nixnutz auch noch befahl, dass an der Kirmes gebetet, statt gefeiert wird und anordnete, dass Mädchen bis zur Hochzeit ihre Jungfräulichkeit zu bewahren hätten, war auch an der Saar das Ende der Ritterzeit gekommen.

Mit Dreschflegeln und Sensen rückten die empörten Humpenbürger ihrem Herrn zu Leib. Nach einem gewaltigen Gelage wurde die Humpenburger Revolution ausgerufen: «Freiheit, Liebe, Suff», das waren die Parolen der großen Revolution unter denen der Sturm auf die Humpenburg begann. Tempelritter Schlendrian der Nixnutz wurde gefangen genommen und vor ein Revolutionsgericht gestellt. Der nixnutzige Tempelritter wurde zum Tod durch ersäufen in der Saar verurteilt. Zu Christi Himmelfahrt sollte das Urteil, nicht ganz ohne blasphemische Hintergedanken, vollstreckt werden. Doch gerade als der verurteilte Templer in voller Rüstung, mit einem Mühlstein um den Hals gebunden, den Fischen in der Saar als Futter dienen sollte, öffnete sich der Himmel und ein Stimme sprach: «Auch Wasser wird zum edlen Tropfen, mischt man's mit Hefe, Malz und Hopfen!» Das Humpenburger Revolutionsgericht erschrak fast zu Tode. Wollte etwa Gott der Herr die Fluten der Saar in Bier verwandeln, dann durfte der Schlendrian keinesfalls darin ersäuft werden. Er hatte als Abstinenzler gelebt und sollte als solcher auch in die Hölle einfahren.

Wochenlang zogen sich die Revolutionsrichter in Ännchens Kneipe am Dorfbrunnen zurück, um zu einem neuen Urteil zu gelangen. Etliche Hektoliter lang wurde beraten und der Vorrat an Obstlern ging schon fast zur Neige, als das neue Urteil verkündet wurde. Es lautete: «Verbannung auf ewig». Rund um die Humpenburg wurde das weise Urteil bejubelt, man war den Schlendrian für immer los, ohne die Saar zu verseuchen. Doch die Auswirkungen des Humpenburger Urteil waren unabsehbar für die gesamte Menschheit. Ungebremst und hemmungslos verbreitete sich der entfesselte Schlendrian von nun an über die ganze Welt. Er wurde zur Plage gegen die bis heute kein Kraut gewachsen ist. Überall Schlendrian, wohin man schaut. Besonders der öffentliche Dienst und die Parlamente leiden unter ihm und erst eine weitere Revolution könnte dem Schlendrian, wenigstens für kurze Zeit Einhalt gebieten. Selbst die alles lähmende Bürokratie wurde von einem Schlendrian erfunden, behauptet die allwissende Schlendriansforschung.

Von der Humpenburg an der oberen Saar auf ewig verbannt, trat Tempelritter Schlendrian der Nixnutz als Mönch in spanische Dienste. Am Amazonas predigte er die zehn Gebote und versuchte die Eingeborenen zum Christentum zu bekehren. Als er jedoch voller Eifer am höchsten Feiertag der Indios, dem Coca-Fest, die gesamte Ernte der Wunderpflanze den Flammen überantworten wollte, vollendete sich sein Schicksal. Die erbosten Indios nahmen den Schlendrian beim Schopf und steckten ihn in einen Kochtopf. Gut gewürzt ergab er ein opulentes Mahl für den ganzen Stamm. Als die Nachricht vom Märtyrertod Ritter Schlendrians in Rom eintraf wurde der Nixnutz von der Saar postum heilig gesprochen. Der heilige Tempelritter Schlendrian der Nixnutz ist heute der offizielle Schutzpatron der Beamten, Parlamentarier, Kriecher und Bücklinge.

Au, den 21. Januar 2007

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