5/12/2006

Humpenbanner und Halbmond über Granada

Teil IV Teil I | Teil II | Teil III

Amerika wurde bereits im Jahr 1212 durch saarländische Tempelritter entdeckt

Von Claude Michael Jung

Nach einer Idee von Andreas Rockstein

Die Rosse wieherten, Tempelritter Schlendrian gab das Kommando «Alleeh hopp uff die Gäul unn nix wie hämm», als Saddam el Kurbatsch, der Wesir des Emirs von Granada plötzlich auftauchte und dem edlen Saar-Templer einen gehörigen Schock versetzte. «Großkotz von Mainz» war in Granada angelangt und lungerte in der Stadt herum. Er war in den Ablasshandel eingestiegen und bot sogar den Muselmanen und Juden der Stadt die Vergebung ihrer Sünden gegen bares an. Der Religionsfriede war erheblich gestört und die Strafe konnte nur lauten: «Rübe runter - Basta». Jetzt war die große Stunde Ritter Schlendrians gekommen, die Macht des Christengottes deutlich zu machen. Mit dem Notizbuch von Jesus Christus in der Hand sprach er die althebräische Formel und verwandelte vor mehr als 20 000 begeisterten Zuschauer «Großkotz von Mainz» in einen Esel. Sodann band er eigenhändig das Vieh an das Geländer jener Brücke, die den christlichen Stadtteil mit dem jüdischen und maurischen verbindet. Dann erhob er wiederum seine Stimme und setzte noch eins drauf. Großkotz der Esel verwandelte sich vor den Augen der, vor Begeisterung tobenden Menge zu Stein. Seither gibt es in Granada die berühmte Eselsbrücke über die alljährlich hundertausende Touristen gehen, wenn sie die Stadt am Schneegebirge Spaniens heimsuchen.

Nach vollbrachter Tat ging es im gestreckten Galopp zum Westtor hinaus in Richtung Santa Fe. In Loja, Archidona und Antequeras übernachtete man standesgemäß in einem Weinkeller und besuchte die Freudenhäuser, denn die Wirkung des Safran zeigte immer noch, was in dem Wunderkrokus steckt. Die gewaltige Manneskraft der Tempelritter beulte deren Rüstungen derart aus, dass der Gang ins Puff unausweichlich wurde. Der Mönch Severin versuchte zwar die Pimmel der Templer durch Gebete im Zaum zu halten, jedoch erfolglos, wie die Chronik der Tempelritter im Saarland berichtet.

Ein Muhezin verkündete von seinem Turm herunter die Ankunft der Tempelritter in Malaga, von wo aus sie die Heimreise antreten wollten. Dort im Hafen lag ein Schiff, wie man in der gesamten Christenheit noch keines gesehen hatte. Eine Rudergaleere mit drei Segelmasten, sie war ein Prachtstück der maurischen Flotte und war besonders seetüchtig. Damit war der schnellstmögliche Heimweg über den Seeweg ermöglicht, um mit einer Umrundung der iberischen Halbinsel über Rhein, Mosel und Saar auf die geliebte Humpenburg zurückzukehren. Der prächtige Bug war mit drei goldenen Galeonsfiguren verziert, die Ritter Schlendrian an die drei Töchter von Emir Machmut el Alaaf, dem Herrn von Granada, erinnerten. «Krone der Saar» war der Name des Schnellseglers, an dessen Heck das stolze Humpenbanner wehte. Die «Krone der Saar» war das Abschiedsgeschenk von Emir Machmut el Alaaf an seinen Saarfreund. Die Mannschaft bestand aus maurischen Matrosen und christlichen Ruderern, unter ihnen Erzbischof Vulgarus II. von Antijochia. Maurische Lotsen geleiteten das Schiff bis in die Straße von Gibraltar. Dort wurde Ritter Schlendrian offiziell die Papiere des stolzen Schiffs, samt einem Kapitänspatent für alle bekannte Gewässer übergeben. In Algeciras gingen die Mauren von Bord und die «Krone der Saar» befand sich nun unter saarländischem Kommando.

«Gott sei Dank, dass wir eine dicke Gebrauchsanweisung mit auf den Weg bekommen haben», dachte sich Ritter Schlendrian, als das Schiff durch einen kräftigen Westwind vorangetrieben wurde, als führe es wie von Engelshänden getragen. Höchste Zufriedenheit machte sich breit, als binnen weniger Stunden das «Cabo de San Vincente» passiert wurde, die Südwestspitze der Algarve, nachdem zuvor bereits bei Trafalgar keine feindlichen englischen Schiffe gesichtet worden waren.

Mit den Worten «So lasset uns denn mal nachlesen, wie wir unser herrliches Schiff jetzt gen Norden steuern können», berief Schlendrian eine Offiziersversammlung mit Maat Heini und dem zum Steuermann ernannten Philosophen Emilianus von Kaltnaggisch in seine Kapitänskajüte ein, um die mitgelieferte Gebrauchsanweisung der Saarkrone genauestens zu studieren. Stolz öffnete er den mit Gold und Edelsteinen geschmückten Ledereinband der kostbaren Pergamenthandschrift. Herrliche Buchmalereien sprangen ihnen ins Gesicht mit detailgetreuen Darstellungen des Schiffes sowie einiger Seekarten im Anhang. «Wo finden wir denn nun die Anleitung 'Schiff nach Norden umlenken'?»... «Hmm, die Schrift ist aber ein klein wenig krakelig» gab Maat Heini zu bedenken «Und es sieht darüberhinaus fast so aus als sei sie von rechts nach links geschrieben» bemerkte Steuermann Emilianus «Sehr seltsam.» «Ach was!» fauchte Schlendrian, «ihr seid doch beide Analphabeten!» und beugte sich mit immer größer werdenden Augen über die sonderbaren Schriftzeichen. Seine Offiziere blickten ihn an, wie seine Gesichtsfarbe sich mehrfach wandelte, und traten zwei Schritte zurück, rechtzeitig bevor der Wutausbruch kam: «Sch..., das kann doch kein Mensch lesen!» erhallte ein Schrei, der bis nach Malaga und Granada zu vernehmen war «Was machen wir nun?»

«Land in Sicht!» ertönte ein anderer Schrei vom Schiffsmast. Die Tempelritter hatten bereits Madeira erreicht. Um den Schrecken über die eigene Manövrierunfähigkeit zu verwinden wurde erstmal der Anker fallen gelassen. Mit dem Beiboot machten sich die Offiziere in die nächste Hafenkneipe und machten dort die Bekanntschaft mit einem dunklen süßen Likörwein. Francisco der Kneipenwirt erzählte das dereinst Bacchus selbst auf der Insel geweilt hatte und den Madeirawein den Insulanern geschenkt hatte. Der Madeirawein entstand nach göttlichem Willen und nicht zufällig wie heute oft behauptet wird. Nachdem Bacchus den Gärprozess der besseren Haltbarkeit wegen mit Branntwein abgebrochen hatte, lagerte er ihn noch rund fünf Monate im tropischen Inselklima, wodurch sich sein Geschmack zum Positiven änderte. Es war die Geburtsstunde des Madeiraweines, oder des «Göttlichen Schweißes» wie die Bewohner der Atlantikinsel den Likörwein nennen.

Nicht ohne etliche Fässer Malvasier, die edelste Madeira-Sorte mit an Bord zu nehmen und sogar die Ballasttanks mit dem «Göttlichen Schweiß» zu füllen, setzte die «Krone der Saar» einige Tage später, nachdem Kapitän Schlendrian und seine Offiziere ihren Rausch auskuriert hatten ihre «Heimreise» fort. Doch weiterhin trieben starke Westwinde das Schiff der Tempelritter in entgegengesetzte Richtung. Erneut wurde eine Krisensitzung in der Kapitänskajüte anberaumt. Die Azoren waren das westlichste was in den Seekarten eingezeichnet war, dahinter war nur noch das Ende der Welt als tiefes Loch eingezeichnet. So drifteten die mutigen Tempelritter einer ungewissen Zukunft entgegen. Während die Ratten das Schiff schon längst verlassen hatten, folgte eine weitere Hiobsbotschaft, der Madeira war ausgetrunken.

Dann endlich der erlösende Ruf: «Land in Sicht!». Eine wunderbare grüne Insel mit hohen Bergen bot sich den Schlendrianen dar, Das Schiff lief praktisch von allein in eine natürliche Hafenbucht ein. Merkwürdige musikalische Klänge ließen von weitem erahnen, daß sie wie Götter empfangen werden würden. Es war das Jahr 1212 und da es ein heiliger Sonntag war an dem der Anker der Saarkrone vor der unbekannten Insel gefallen war, nannte Ritter Schlendrian die Insel «Sankt Donner und Doria»

Ein prächtig mit Federn und Gold geschmückter Mann trat Tempelritter Schlendrian entgegen, mit einem ebenfalls prächtig ausstaffiertem Gefolge. «Offenbar ein König oder ein Fürst» dachte sich Schlendrian. Doch er war um so mehr verblüfft, als ihm ein qualmendes Rohr in die Hand gedrückt wurde. «Hmm, was damit machen» blickte Schlendrian verdutzt daher, aber der «König» nahm ihm das Ding glücklicherweise wieder ab und zeigte ihm, wie es geht, einmal dran ziehen. Schlendrian machte es ihm nach. Im ersten Moment wurde ihm schwindelig vor Augen, aber, nachdem er sich wieder gefangen hatte bemerkte er, dass das gar nicht so unangenehm war. So zog er ein zweites und ein drittes mal genüßlich an dem qualmenden Rohr. Der «König» nickte zufrieden und zog auch nochmals kräftig an der Pfeife. Als ob er ihm die Wünsche aus den Augen lesen könnte schnippte der «König» zweimal mit der Hand, und sofort wurde ein Getränk gereicht. Schlendrian blieb dieser Saft beinahe im Hals stecken, denn er dachte an ein kühlendes heimatliches Bier aus Großhumpendorf, doch dieses Zeug war viel stärker. Aber es schmeckte auch nicht schlecht. Der «König» schnippte ein weiteres mal und Diener brachten ein Bündel Rohrartiger Pflanzen. «Aha, daraus wird dieses Gesöff also gemacht» dachte sich Schlendrian geistesgegenwärtig.

Nach einer fünfwöchigen Qualm und Schluckorgie fiel es Schlendrian wieder ein, daß er sich eigentlich auf dem Heimweg befand. Aber da gab es noch ein Problem. «Unser Schiff fährt immer nur nach Westen». In seiner Verzweiflung lud er den «König» zu sich in die Kapitänskajüte ein, um ihm die Gebrauchsanweisung der Galeere zu zeigen. Der König brachte einen alten ehrwürdigen Mann mit, der dem Schlendrian wie ein Priester erschien. Nach einem flüchtigen Blick auf die so vermeintlich unleserliche Schrift blickte der Priester ernst auf und sprach in einer für Schlendrian unmißverständlichen Sprache: «Des iiss arabisch, ihr Schwachkepp, doo un doo schdehd, wie ihr eier Schiff zu navigiere habt». Binnen weniger Stunden waren alle Probleme geklärt und die Galeere der Tempelritter konnte sicheren Weges den Heimweg antreten.

Als Dank für die Unterweisung in Navigationslehre schenkte Ritter Schlendrian den unbekannten Inselbewohnern die Risszeichnungen zum Bau einer Kathedrale und erlöste Erzbischof Vulgarus II. von Antijochia von seiner Ruderbank. Dem lästigen Mönch Severin schenkte er ebenfalls den freundlichen Bewohnern von «Sankt Donner und Doria». Auf diese Weise entstand die erste Kathedrale auf dem Boden der Neuen Welt. Deren heutiger Name "Santo Domingo" (Dominikanische Republik) ist nur eine Fehlinterpretation des ursprünglichen Namens "Sankt Donner und Doria". Kunsthistoriker werden aufgrund dieser Fakten den erhaltenen Kathedralbau ins 13. Jahrhundert vordatieren müssen. Immerhin handelt es sich um die einzige Kathedrale Lateinamerikas, die noch gotische Züge trägt. Durch ein Erdbeben wurde die Kathedrale kurz nach der Ankunft eines gewissen Christoph Columbus schwer beschädigt, und wurde in ihrer heutigen "ungotischen" gedrungenen Form wiederhergestellt, aber Teile der Außenmauern mit den Strebepfeilern und dem Hochchor sind immer noch typisch gotisch.

Ohne den dicken Erzbischof und den lästigen Mönch an Bord waren die Winde der Saarkrone bestens gewogen. Westlich von Irland traf man noch auf eine kleine Flotte netter Wickinger die ein Land namens Amerika suchten und auch auf Helgoland machte die «Krone der Saar» Station. Im Frühjahr 1213, nach insgesamt neun Jahren ,vier Tagen und 21 Stunden legte die «Krone der Saar» in heimatlichen Gewässern am Fuß der Humpenburg an. Ännchens Kneipe am Dorfbrunnen verzeichnete in diesen Wochen wahre Rekordumsätze.

Au, den 5. Dezember 2005

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