3/10/2006

Die Humpenburg im „Reich der Mitte”

„Die Kaiser kommen und gehen, der Schlendrian aber bleibt ewig bestehen”:

Albreecht Dürer: Idealbild Karls des Großen

Von Claude Michael Jung

Als Karl I. am 25. Dezember 800 von Papst Leo III. in Rom zum römischen Kaiser gekrönt wurde beäugte man das Ereignis auf der Humpenburg an der Saar mit Misstrauen. Denn von da an hielt sich Karl für den größten und trug somit den Beinamen Karl der Große, oder wie die Lateiner sagen, Carolus Magnus. „Hätte Papst Leo III damals geahnt, wen er da zum Kaiser machte, er hätte es lieber gelassen”, schreibt der Goßhumpendorfer Chronist, Studienrat Ernst Nonsens in seiner Dorfchronik und fährt fort, „Das einzige was man an Karl groß nennen kann war das er von großer Gestalt war. Preußenkönig Friedrich Wilhelms I hätte ihn glatt in seine „Potsdamer Riesengarde” gesteckt”. Schon im neunten Jahrhundert hielt man an der Saar nicht viel von Karl dem Großen. Hinter vorgehaltener Hand flüsterte man gar: „Der Schlendrian steht uns näher als der Kaiser”. Der große Philosoph des Mittelalters, Emilianus von Kaltnaggisch, schreibt sogar an Papst Leo III. „Allerbester Leo, es war ein Kardinalsfehler Karl zum Kaiser zu krönen, diese hohe Würde steht allenfalls dem Herrn der Humpenburg, dem edlen Ritter Schlendrian von der Saar zu”. Dass das Verhältnis der Großhumpendorfer zu Karl dem Großen bis heute angespannt ist, darf niemanden verwundern. Karl der Große hat nämlich, als er auf dem Rückweg von Rom nach Aachen war, in Ă„nnchens Kneipe am Dorfbrunnen Station gemacht und sich dort nicht nur schlecht benommen, sondern auch noch die Zeche geprellt. Auch Ritter Schlendrian weigerte sich den neuen Kaiser zu empfangen, die Zugbrücke der Humpenburg blieb verschlossen und anstatt mit Ritter Schlendrian die Humpen zu kreuzen bekam der frisch gebackene Kaiser von einem Stallknecht des erhabenen Saarritters einen schon leicht zerknitterten Zettel aufs Auge gedrückt, in dem kurz und knapp zu lesen war: „Bin zum Angeln”.

Das war bereits die zweite Abfuhr für den langen Karl, denn schon im Jahr 778 hatte ihm Ritter Schlendrian einen Korb gegeben, als er noch als simpler Frankenkönig ein Hilfsersuchen zu einem Kriegszug gegen den Emir Abd ar-Rahman I. von Cordoba mit den Worten: „Karl kann mir den Buckel runter rutschen”, ablehnte. Karls Feldzug wurde ein Misserfolg und der Rückzug aus Spanien wurde zu einer Katastrophe als ein Teil des fränkischen Heeres von den Basken in der Schlacht bei Roncesvalles aufgerieben wurde. Wie das Rolandslied berichtet, soll Roland der große Held des langen Karls sterbend auf dem Schlachtfeld ausgerufen haben: „Ich wollte es währe Nacht oder der Schlendrian käme über die Feinde”. Bis zu seinem Tod konnte „Charlemagne” nicht verwinden, dass die edlen Humpenritter ihm in der Stunde der Not den Beistand verweigert hatten und anstatt gegen die Sarazenen zu kämpfen, lieber den vollen Humpen die Ehre erwiesen.

Erst als im Jahr 843 das Fränkische Reich im Vertrag von Verdun unter den Enkeln Karl des Großen aufgeteilt wurde und die Humpenburg an der Saar zum Mittelpunkt des neuen Reichs der Mitte, dem Lotharii Regnum mit Kaiser Lothar I. an der Spitze wurde, verbesserten sich Beziehungen zu den Karolingern, ja die Geschichtsschreibung erwähnt, es habe sogar ein inniges Verhältnis zwischen den Humpenrittern und Kaiser Lothar I. bestanden.

Kaiser Lothar I., dessen Reich sich von der Nordsee bis tief nach Italien hinein erstreckte konnte sich auf seine Schlendriane von der Saar verlassen. Bischof Drogo von Metz, ein nicht erbberechtigter Neffe Ritter Schlendrians und die Grafen Adalhard von Bitsch, sowie Matfrid, genannt der Humpenmatz von Bastogne, beides echte Schlendriane, wurden zu ersten Beratern Kaiser Lothars I. Ritter Schlendrian selbst wurde zu einer Art Humpenkanzler auf dessen Rat und Tat der Kaiser große Stücke setzte. Aachen hatte zwar so etwas wie Residenzcharakter, regiert wurde aber von der Humpenburg hoch über der Saar. Hier wurden die Gezeiten der Nordsee neu festgelegt und nach der Pfeife der Humpenburger Ritter musste sogar im alten Rom getanzt werden. Der Schlendrian war allgegenwärtig im Reich der Mitte und selbst der Papst musste spuren um nicht über Nacht gegen einen Schlendrian ausgetauscht zu werden.

Zu Winterbeginn des Jahres 849 wurden die jährlichen Normanneneinfälle, die bis dahin Friesland erschütterten beendet. Wikinger aus dem hohen Norden umschifften die Saarschleife und legten schon wenige Tage später am Kai der Humpenburg, dem heutigen Großhumpendorfer Europakai an der oberen Saar an. Fünf Tage und Nächte tobte der Kampf im großen Rittersaal der Humpenburg. Dann ergaben sich die Nordmänner den Humpenrittern und das erste Kampftrinken der Weltgeschichte fand ein Ende. Harald und Rorik, die beiden Anführer der Nordmänner begannen zu torkeln und die Schlendriane doppelt und dreifach zu sehen. Die Meeterprobten Eroberer sanken vom Bockbier geschlagen danieder, baten um Gnade und gelobten nie wieder ins Reich der Mitte einzudringen. An das erste Kampftrinken der Weltgeschichte erinnert noch heute ein leeres Meetfass im Keller der Humpenburg, das der Wikingerfürst Rorik, Ritter Schlendrian gegen einen Sud, der seinen Kopfschmerzen ein Ende bereiten sollte, ausgeliefert hat.

Kaiser Lothar I verbrachte mehr als Dreiviertel seiner Regierungszeit auf der Humpenburg hoch über der Saar. Hier bewunderte er die prächtigen Sonnenauf und Untergänge und begann damit seine Memoiren zu schreiben. Des Regierens müde geworden, setzte er seine Söhne Ludwig in Italien, Lothar II. Im Norden und Karl in der Provence als Regenten ein. Eigentlich wollte er wie ein echter Schlendrian in einem Eichenfass begraben werden ,jedoch er trat in das Kloster Prüm ein, wo er sechs Tage später verstarb. Die Benediktinermönche der Fürstabtei Prüm in der Eifel verweigerten dem Kaiser jedoch seinen letzten Willen und er wurde wie ein gewöhnlicher Kaiser in einer Gruft beigesetzt. Nach dem sich der Tod Kaiser Lothars I. bis auf die Humpenburg herum gesprochen hatte, sagte Ritter Schlendrian nach einem Totengebet zu seinen Verwandten, Bischof Drogo von Metz, Adalhard von Bitsch und zum Humpenmatz von Bastogne: „Die Kaiser kommen und gehen, der Schlendrian aber bleibt ewig bestehen”

Au, den 3. Oktober 2006

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