25/12/2007

Studienrat Ernst Nonsens gesteht: „Ich bin eine Schlampe”

„Herr Studienrat sie hausen in einem Saustall”

Von Claude Michael Jung

Katastrophen sind zumeist auf die Verkettung mehrerer unglückseliger Umstände zurückzuführen. So ging beispielsweise der Eisberg der die Titanic versenkte nicht als Alleinschuldiger in die Analen der Geschichte ein. Ebenso wenig kann man einen Küchenherd alleine dafür verantwortlich machen, dass jährlich im Saarland gleich tausendfach Mittag und Abendessen anbrennen, oder das letzte Pils mal wieder schlecht gewesen war und seinem Genießer am nächsten Morgen das Leben schwer gemacht hat. Die Katastrophe aber, die gestern Abend den Großhumpendorfer Chronisten, Studienrat Ernst Nonsens heimgesucht hat geht einzig und alleine auf dessen eigenes Konto und er musste gestehen. „Ich bin eine Schlampe”.

Die große Uhr in Ännchens Kneipe am Dorfbrunnen zeigte 19.32 Uhr an, als die Sirene auf dem Großhumpendorfer Spritzenhaus Großalarm auslöste. Aus dem Wohnhaus von Studienrat Ernst Nonsens in der Schlendrianstraße Nummer 11 stieg eine dicke, dunkle Wolke in den Großhumpendorfer Abendhimmel. Brandmeister Rohrbruch lokalisierte den Herd der Katastrophe im Wohn, Studier und Arbeitszimmer des Dorfchronisten und befahl ohne zu zögern: „Wasser marsch”. Knappe 30 Minuten später, der Keller stand schon unter Wasser und das Bett von Ernst Nonsens trieb gerade in Schlangenlinien die Garageneinfahrt hinab, stand fest, dass die dunkle Wolke nicht das Endprodukt eines Zimmerbrandes war. Die vermeintliche Rauchwolke entpuppte sich als Staubwolke und war auf den Zusammenbruch des Bücherregals zurückzuführen, das Ernst Nonsens aus Achtung vor der Ruhe der Bücher und chronischem Zeitmangel seit Jahren nicht mehr abgestaubt hat.

Studienrat Ernst Nonsens studierte gerade die Saartireseiten im „Großhumpendorfer Generalanzeiger” als es ähnlich einem Bombeneinschlag krachte und eine Wolke aus Zigarettenqualm und gewaltigen, todbringenden Staubpartikeln auf ihn zustürzte, Gerade konnte er noch in letzter Sekunde über den Balkon ins Freie flüchten und so der lebensgefährlichen Bedrohung entkommen. Noch immer ist es Studienrat Ernst Nonsens rätselhaft wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte, hatte er doch erst vor wenigen Jahren das ganze Regal penibel abgestaubt, bevor er es mit gelesenen und ungelesenen Bücher zu schmücken begann. Mit den Jahren kamen Zeitschriften, samt Werbebeilagen, Rechnungen und anderer Papierkram hinzu. Seinem Putzteufel Elvira hatte er strengstens untersagt in seinem Refugium etwas anzufassen selbst als die Perle Elvira ihn darauf hinwies: „Herr Studienrat, sie hausen in einem Saustall”. Auch der vor einigen Jahren für das Studierzimmer eigens angeschaffte elektronisch regulierbare, besonders leise arbeitende Staubsauger wurde niemals in Betrieb genommen, er steht wie immer in der Ecke hinter der Tür und dient „Bruder Konrad” einem gebildeten Mäuserich als bequemes Luxusdomizil.

„Bruder Konrad”, der schon die Werke von Goethe, Schiller und Karl May in sich hineingefressen hatte muss es auch gewesen sein, der die Katastrophe ausgelöst hat. Brandmeister Rohrbruch, der die platten sterblichen Überreste von „Bruder Konrad” zwischen der großen Studie von Ernst Nonsens über den Heiligen Strohsack und mehreren Hundert Werken über das Schaffen der Tempelritter in der Saarregion gefunden hat, vermutet das der so tragisch aus dem Leben geschiedene „Bruder Konrad” beim Aufstieg von der dritten auf die vierte Regalebene den Heiligen Strohsack zum Umkippen gebracht hat und der so entstandene Dominoeffekt den Crash des ständig überladenen Bücherregals ausgelöst hat.

Im Rahmen, der in Ännchens Kneipe am Dorfbrunnen stattgefundenen Katastrophendiagnose ist Studienrat Ernst Nonsens zu der Erkenntnis gekommen gleich Morgen oder Übermorgen im Brettermarkt ein neues Bücherregal zu besorgen und mindestens alle zwei bis drei Jahre zum Staubtuch zu greifen, wenn er die Zeit dafür hat. Brandmeister Rohrbruch hat Ernst Nonsens eindringlich davor gewarnt die Staubschicht in seinem Arbeitszimmer niemals mehr über drei Zentimeter anwachsen zu lassen, um die Belastbarkeit des neuen Bücherregals nicht unnötig herauszufordern. Auch will Ernst Nonsens sich in Zukunft mehr um seinen Haushalt kümmern und es nicht nur mit dem Leeren des Kühlschranks und dem gelegentlichen Einschalten des Geschirrspülers belassen. Wenn er dazu kommt, will er als Nächstes die beiden Fenster in seinem Arbeitszimmer putzen, damit er wieder erkennen kann, was die Kirchturmuhr gegenüber anzeigt.

Au, den 25. Dezember 2007

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