22/2/2007

Komet erscheint über der Humpenburg

Sonntags predigte der Bernhardiner Mönch Blasius

Von Claude Michael Jung

Nachdem Jerusalem im Jahr 1244 für die Kreuzfahrer verloren ging, wurde es für Christen unmöglich, dorthin zu pilgern, um einen "vollkommenen Ablass " zu erlangen. Die Hoffnung richtete sich immer mehr auf Rom, den geistigen Mittelpunkt des Abendlandes in jener Zeit. Man erwartete um die Jahrhundertwende ein außergewöhnliches Ereignis, eine Sonnen oder Mondfinsternis. Stattdessen erschien ein Komet, aber nicht am Nachthimmel über Rom, sondern über der Humpenburg an der Saar. Ritter Schlendrian wäre um ein Haar der Humpen aus der Hand gefallen, denn er dachte schon, die Rache des Herrn hätte ihn erreicht, weil er mal wieder keine Zeit dazu gehabt hatte, Jerusalem gegen die Heiden zu verteidigen.

Der Komet aber war freundlich und gut gelaunt. Dankbar nahm er den dargeboten Humpen an, danach noch einen zweiten und nach dem dritten oder vierten Humpen erzählte er dem edlen Schlendrian von den Sorgen die Papst Bonifatius VIII plagten. Eine äußerst unangenehme Volksbewegung war entstanden, Rom war über und über mit Pilgern voll, sie demonstrierten quer durch Rom und verlangten einen gründlichen Ablass für ihre Sünden. «Ablass jetzt» stand auf den mitgeführten Transparenten. «Nieder mit Bonifatius» skandierten linksgerichtete Pilger und ein Gewerkschaftsführer, der von der Pilgergewerkschaft, ein Radikaler mit roten Haaren, hatte sogar schon einen Gegenpapst aus dem Hut gezaubert. Anarchisten forderten gar den Papst direkt durch das Volk wählen zu lassen. «Rom die ewige Stadt steht vor dem Untergang und nur du, o edler Schlendrian kannst es noch retten», sagte der Komet und nahm noch einen großen Schluck aus dem dargebotenen Humpen.

Der Bernhardiner Mönch Blasius, ein Mann der Tat, der die Sünden Schlendrians genau kannte, wurde auf die Humpenburg zitiert und zu dritt überlegte man, einen Humpen nach dem anderen lang, aber in aller Ruhe, wie Rom und damit die Christenheit noch zu retten sei. Der Gedanke des Kometen, nördlich der Alpen, einen zweiten geistigen Mittelpunkt des Abendlandes zu schaffen, um die Pilgerströme in geordnete Bahnen zu lenken, von wilden Demos abzuhalten und somit das heilige Rom zu entlasten, setzte sich letztendlich durch. Man beschloss in der Ebene vor der Humpenburg eine große Wallfahrtskirche zu bauen und die Pilger zum Nachlass ihrer Sünden am Bau zu beteiligen. Schwitzen zur Vergebung der Sünden, ein wahrhaft grandioser Einfall, wie er nur auf der Humpenburg ausgebrütet werden konnte. Zwar war auch Trier, die alte römische Stadt an der Mosel im Gespräch als geistiges Zentrum nördlich der Alpen zu fungieren, jedoch der Komet gab zu bedenken, dass die Trierer schon 1000 Jahre lang ihre Porta Nigra nicht mehr vom Dreck befreit hätten und den Schmutz eines ganzen Jahrtausend auch noch stolz als Patina bezeichneten. So wurde das neue geistige Zentrum in der Ebene vor der Humpenburg erbaut und das bereits seit über 3000 Jahren existierende Humpendorf wurde zu Großhumpendorf.

Papst Bonifatius VIII fiel ein Stein vom Herzen, als er erfuhr was das Humpenburger Trio beschlossen hatte. Den Stein der ihm vom Herzen gefallen war stiftete er spontan als Grundstein des neuen geistigen Zentrums an seiner Saar. So kam es zur Grundsteinlegung der heutigen Großhumpendorfer Pfarrkirche Sankt Donner und Doria, dem geistigen Zentrum der modernen Saarländer.

Von seinem Strandkorb am Burggraben aus, von wo er immer im trüben fischte, verfolgte Ritter Schlendrian mit Wohlgefallen wie die Großbaustelle im Tal wuchs und die Bierpreise schneller stiegen als heute die Spritpreise. Sonntags predigte der Bernhardiner Mönch Blasius so gewaltig wie das heute nur noch der Großhumpendorfer Pastor Friedensreich Seligheuer fertig bringt. Nach der Messe wanderten die schwer gefüllten Klingelbeutel auf die Humpenburg, schließlich brauchte Ritter Schlendrian die Münzen, um dem monumentalen Sakralbau vor seiner Haustür großzügig ein paar anständige Glocken spendieren zu können.

Zu tausenden strömten die Pilger auf die Großbaustelle, denn nach getaner Arbeit gab es den ersehnten Ablass. Ritter Schlendrian hatte sogar eigens ein Rabattmarkensystem zur Vergebung der Sünden, natürlich ohne das Wissen des Papstes, aber zu seinem eigenen Wohl eingeführt, um das sündigen während der Arbeitszeit zu erleichtern. Großhumpendorf platzte aus allen Nähten. Garküchen, Trinkhallen und sogar ein kleines Vergnügungsviertel entstand rund um die Baustelle. Das geistige Zentrum wuchs von Tag zu Tag, wie auch der Ausschank geistiger Getränke immer neue Rekorde erreichte.

Ehe ein Jahrzehnt vergangen war, stand die Pfarrkirche Sankt Donner und Doria, so wie wir sie heute kennen. Ritter Schlendrian ließ nebenbei noch schnell das Rathaus unter dem Vorwand ein Pilgeramt bauen zu wollen errichten. Der Bau eines Pfarramtes, samt Pfarrsaal und Einliegerwohnung für den Küster folgte. Ännchens Kneipe am Dorfbrunnen wurde renoviert und erweitert, ebenso wurde der Petersplatz vor der Kirche, er wurde im Verlauf der französischen Revolution in Rätschplatz umbenannt, gepflastert. Zusätzlich wurden noch zwei Brücken über den Humpenbach gebaut und auch auf der Humpenburg selbst fiel noch allerlei Arbeit zur Vergebung der Sünden an. Dann aber wurde es Zeit die Pilgerströme in andere Bahnen zu lenken.

Wieder einmal versammelten sich die geistigen Väter des neuen geistigen Zentrums der Christenheit um zu beratschlagen, wie man die sündigen und lästigen Pilger wieder los werden würde. Der mit allen Wassern gewaschene Bernhardiner Mönch Blasius war es, der mit seiner Idee vom «Ablass plus», einem hochwirksamen totalen Ablass mit Freifahrkarte ins Paradies, die Pilger in die Pfalz zum Spargelstechen trieb. Innerhalb weniger Wochen war man somit rund um die Humpenburg wieder unter sich. Papst Bonifatius VIII aber zeigte sich seinen Saarhelden gegenüber dankbar und spendierte aus seiner privaten Schatulle für die neue Pfarrkirche Sankt Donner und Doria ein prachtvolles Taufbecken, in dem heute noch immer Pastor Friedensreich Selighauer die zahlreichen Neugeborenen der Saargemeinde ausgiebig schwenkt und somit in die große Christengemeinschaft aufnimmt.

Au, den 22. Februar 2007

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