13/9/2006

Leinen los für Raddampfer «MS Schlendrian»

«Ich glaube der liebe Gott hat gar kein Kapitänspatent für die Saarschifffahrt»

Von Claude Michael Jung

Seit zwei Jahren verkehrt der stolze Raddampfer «MS Schlendrian» bereits im Liniendienst auf der Saar zwischen Großhumpendorf und der ostfranzösischen Stadt Saargemünd. Gebaut wurde die MS Schlendrian 1883 als Kanonenboot der kaiserlichen Flotte und sollte unter dem Namen «SMS Kaiserdonner» auf den Weltmeeren die Feinde des Deutschen Reiches das Fürchten leeren. Die Admiralität seiner großartigen Majestät musste jedoch, die Pille war damals bitter, feststellen dass der Heizkessel des neuen Kanonenbootes weder die Schlesische noch die Ruhrkohle vertrug und so musste der Hoffnungsträger der neuen deutschen Seemacht, wegen chronischer Kesselbeschwerden wieder ausgemustert werden.

Jahrzehntelang dümpelte und rostete der Kaiserdonner an einem Kai in der Odermündung traurig vor sich hin. Gegen Ende des zweiten Weltkriegs wurde das Schiff von der roten Armee geentert, erhielt einen neuen Anstrich und diente als «Iwan der Schreckliche» von nun an als schwimmendes Offizierskasino. Für die Personenschifffahrt auf der Saar wurde «Iwan der Schreckliche» im Jahre 1994 vom Großhumpendorfer Heimwerkermeister Emil Bossler entdeckt, der mit seinem geschulten Blick sofort feststellte, dass der alte Raddampfer mit seinen Maßen von 38,10 mal 5,05 Metern problemlos die Schleusen der Saar passieren konnte. Emil Bossler erkannte auch mit dem scharfen Auge eines echten Saarländers, das dem Heizkessel seit der ersten Probefahrt auf auf der Ostsee nur Eines gefehlt hatte. Saarkohle war der Brennstoff, der den Heizkessel des verwöhnten Raddampfers verzauberte und zu Höchstleistungen anspornte, sowie dessen Magenkrämpfe vermied. Der neue Eigner des schrecklichen Iwan, ein polnischer Kartoffelbaron und bekennender Verehrer der saarländischen Humpenkultur, trennte sich gegen die Lieferung eines Hektoliters Humpenbräu von der schwimmenden Rostlaube und diese dampfte wie eine junges Schnellboot, mit bester Saarkohle in ihrem Bunker versehen, aus eigener Kraft an den Großhumpendorfer Schiffsanleger, wo die dringend notwendige Generalüberholung wartete.

Dank der flinken Finger des Großhumpendorfer Bürgermeisters Edgar Lump der die europäische Kuh (EK) wie kein anderer zu melken versteht, ergoss sich wieder einmal die Milch Europas in Strömen nach Großhumpendorf, wo der Museumsdampfer restauriert, poliert und mit neuen Aufbauten, wie unter anderem einem Sonnendeck ausgerüstet wurde. Edgar Lump überwachte die von Emil Bossler, Hennes Knoddler und den Gebrüdern Knauber durchgeführten Schweiß und Malerarbeiten, erteilte Anweisungen und versuchte zweimal, leider vergeblich, in den Besitz eines Kapitänspatentes für die Personenschifffahrt auf der Saar zu gelangen.

«Ich taufe dich auf den Namen Schlendrian und wünsche dir allzeit eine Handbreit Saar unter dem Kiel». Mit diesen Worten wurde am 1. Mai 2003, nach der Großhumpendorfer Maiparade, von La Rabiata, Bürgermeister Lumps liebender Gattin, die erneut notwendige Schiffstaufe vollzogen. Das halbe Saarland versammelte sich zu diesem feierlichen Anlass am Großhumpendorfer Europakai um dem großen Akt beizuwohnen. Pastor Friedensreich Selighauer, im besten Dienstanzug, erinnerte mit bewegten Worten an die große Zeit des Tempelrittergeschlechts der Schlendriane, das im Mittelalter von der Humpenburg aus die Geschicke der Saarländer so trefflich lenkte. Sogar das Beiboot des Schlendrian wurde vorsichtshalber im Zeichen der christlichen Saarschifffahrt neu getauft und endete mit einem Malheur. Wie eine Hammerwerferin schleuderte La Rabiata, nachdem sie die Formel: «Ich taufe dich auf den Namen "Le petit Lump" und wünsche dir allzeit eine Handbreit Schaum unter dem Kiel» ausgerufen hatte, den gefüllten Humpen gegen die Bordwand des kleinen Beibootes, so dass sich ein großes Loch in den Planken auftat und der kleine Lump in den Fluten des großen Stroms der Saarländer zu versinken drohte.

Eine erste Probefahrt, am Ruder des ehrwürdigen Raddampfers Schlendrian stand Pastor Friedensreich Selighauer, endete ebenfalls fast in einer Katastrophe. Nachdem der Schlendrian unter dem Kommando des Gottesmannes ein Wendemanöver vor der Großhumpendorfer Schleuse absolvierte, krachte das Schiff in den historischen Angelsteg von Tempelritter Schlendrian dem Mächtigen und zerstörte das Symbol des Fischfangs auf der oberen Saar völlig. Pastor Selighauers Worte: «Der Mensch denkt und Gott lenkt» zeigten an diesem Tag keinerlei Wirkung. Der Vertreter Gottes rätselte noch tagelang darüber nach, warum dies geschehen konnte. Dem Großhumpendorfer Chronisten, Studienrat Ernst Nonsens vertraute er jedoch an: «Ich glaube der liebe Gott hat gar kein Kapitänspatent für die Saarschifffahrt, oder er hat an diesem Tag einfach seine Arbeit geschwänt».

Au, den 13. September 2006

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