11/3/2007

New Humpendorf

In «Lumps Inn» wartet bereits eine Batterie Bourbon Whisky der Marke «Old Shatterhands Death» auf die Delegation aus Großhumpendorf

Von Claude Michael Jung

Die blanke Abenteuerlust war es gewesen, die Johann Heinrich Lump im neunzehnten Jahrhundert über den großen Teich nach Amerika getrieben hat. Dort nannte er sich John Henry Lump und stieg gemeinsam mit Jesse und Frank James ins Eisenbahn und Bankgeschäft ein, was ihm zu beträchtlichem Reichtum verhalf. Seine besten Jahre verbrachte er in Saloons und so manchen Tag und eben so viele Nächte vertrieb er sich die Zeit mit leichten und teilweise auch mit schwereren Mädchen. Es war eine Flasche Bourbon Whisky der Edelmarke «Old Shatterhands Death» nach deren Genuss John Henry Lump ein Engel des Herrn erschien, das glaubte er wenigstens und ihm befahl sein Leben zu ändern. Genau das tat John Henry dann auch, er bekehrte sich zum Glauben der Mormonen, heiratete fast ein halbes Dutzend Frauen und widmete sein neues Leben fortan nur noch der Zeugung von Nachwuchs.

John Henry Lumps Clan wuchs zu ungeahnter Größe und er gründete schließlich im amerikanischen Bundesstaat Utah eine eigenen Gemeinde. Lump City sollte der Fleck eigentlich heißen, jedoch John Henry besann sich eines besseren er nannte im Eingedenken an seine alte Heimat den Flecken Erde «New Humpendorf». Seither ist «New Humpendorf» ein echter amerikanischer Familienbetrieb und alles was im Ort Rang und Namen hat, nennt sich Lump. Da ist Sheriff Donald Lump, der Inhaber von «Lumps General Store» ist Reynold Lump und Sam der Friedensrichter, ist ebenfalls ein Lump.

In «Lumps Inn» dem Westernsaloon des kleinen Städtchens geht s zumeist an den Wochenenden hoch her, hier werden die alten Lieder der Saarheimat gesungen und geschunkelt, die John Henry Lump der Begründer der amerikanischen Lumpendynastie einst mit über den großen Teich hierher gebracht hat. An den Wänden hängen eine ganze Reihe fast vergilbter Fotografien vom alten Europa, die Captain John Hightower Lump während er zwischendurch Europa vom braunen Spuk befreite, geschossen hat. Captain John Hightower Lump war es im März 1945 auch gewesen, der als erster amerikanischer Lump nach der Auswanderung von Johann Heinrich im Neunzehnten Jahrhundert wieder Kontakt zu seinen Vorfahren in Großhumpendorf aufnahm. Allerdings war dieser Kontakt nur von kurzer Dauer und endete in einer panikartigen Flucht des Vetters aus Amerika.

Es war der 11. März, der zweite Sonntag im Märzen, wie aus dem Großhumpendorfer Kirchenbuch hervorgeht, als der heutige Bürgermeister Edgar Lump, als Sohn von Egon und Amalie Lump, durch das Taufbecken der Pfarrkirche Sankt Donner und Doria geschwenkt wurde. Ganz Großhumpendorf war auf den Beinen und feierte ausgelassen das Ereignis in Ännchens Kneipe am Dorfbrunnen. Niemand bemerkte das herannahen der drei US Schützenpanzer, denn selbst der Volkssturm sang in Ännchens Kneipe: «Uns ist ein Lump geboren». Unter dem Kommando von Captain John Hightower Lump nahmen die Befreier kampflos den Rätschplatz ein und wunderten sich, das überall an den Häusern das bunte Humpenbanner wehte und niemand ein weißes Bettlaken gehisst hatte.

Ein Stoßtrupp den Captain John Hightower Lump selbst anführte drang in Ännchens Kneipe am Dorfbrunnen vor und wurde von den Großhumpendorfern, die die uniformierten US Boys für die Prinzengarde der Nachbargemeinde Bad Bücklingen hielten mit «allee hopp» Rufen willkommen geheißen. Captain John Hightower Lump wurde als Prinz Karneval ebenfalls herzlich willkommen geheißen und durfte zur Kindstaufe sogar einen Humpen auf das Wohl des kleinen Edgars leeren. Mit etwas Verspätung wurde dann auch das große Führerbild in den Keller verbannt und die Befreiung gefeiert. Die Vertreter der US Army nahmen anschließend auf der Humpenburg Quartier.

John Hightower Lump besuchte tags darauf seine Familie und wurde stolz überall herumgereicht. Ein schwerer Truck mit Kaffee, Zigaretten, Kaugummi und anderer, teilweise sogar flüssiger Truppenverpflegung wurde beim US Headquater angefordert und erreichte kurze Zeit später auch schon die Empfänger. Captain Lump, der sich sehr für die Historie des kleinen Ortes, aus dem seine Wurzeln stammen und den er gerade erobert hatte interessierte, wurde vom damaligen Bürgermeister Egon Lump zu einer Besichtigung der Gemeinde Großhumpendorf eingeladen, womit das Verhängnis seinen Lauf nahm.

Bereits nach den ersten Schritten durch die Straßen, am Schaufenster von Metzgermeister Ränzel bleib Captain John Hightower Lump die Spucke weg. Hatte er richtig gelesen. «Kassler, Nürnberger, Frankfurter und Wiener, leider ausverkauft», das konnte doch nicht sein. Jedoch aus dem Schaufenster der Bäckerei Schimmelmeier blinzelten ihn drei gebackene Amerikaner und ein etwas älterer, brauner Berliner an. Jetzt waren alle Klarheiten restlos beseitigt, für John Hightower stand fest, er war unter die Kannibalen geraten und wohl das nächste Opfer der Fressgier seiner verkommenen Verwandtschaft. Im Handbuch der US Army war keine Zeile dem Umgang mit Kannibalen gewidmet und um gegen Kannibalen zu kämpfen war er schließlich auch nicht nach Europa gekommen. Noch in der gleichen Nacht verschwanden die Befreier klammheimlich und die verwandtschaftlichen Kontakte ruhten erneut, diesmal über 60 Jahre.

Nun aber über 60 Jahre nach den Ereignissen stellt sich heraus, das Captain John Hightower Lump bei seiner Ortsbesichtigung wohl etwas zu viel von seiner Galone «Old Shatterhands Death» hinter seine Binde gekippt hatte und die falschen Schlüsse aus der ominösen Schaufensterbeschriftung gezogen hat. Das teilt jedenfalls sein Enkel George Tyler Lump, der neue Bürgermeister von New Humpenburg per email an Edgar Lump mit und entschuldigte sich für die falschen Verdächtigungen. Im kommenden Herbst wird der Großhumpendorfer Lumpenclan in die USA fliegen und dort die zahlreichen Vettern und Cousinen herzlich an ihre Brust drücken. In «Lumps Inn» dem New Humpendorfer Westernsaloon wartet bereits eine Batterie Bourbon Whisky der Marke «Old Shatterhands Death» auf die Delegation aus old Germany:

Au, den 11. März 2007

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