18/9/2006

Mit der «MS Schlendrian» auf der oberen Saar

Hier leben auch Hermann und Herminchen

Von Claude Michael Jung

Raddampfer tauchten erstmals im China des vierten Jahrhunderts auf. Als Admiral Wang ZhenŽe im Jahr 418, seine Flotte zur Bekämpfung der Piraten auf dem Yangtsekiang mit Schaufelrädern ausstattete wurden diese Schaufelräder noch von Ochsen angetrieben. Zwar gibt es heute im Saarland und drum herum noch genügend Ochsen um einen Raddampfer in Fahrt zu bringen, allerdings, der in Großhumpendorf auf der Saar vor Anker liegende Raddampfer «MS Schlendrian» verzichtet auf den Service von Ochsen, er verschlingt stattdessen lieber Saarkohle, wenn er Dienstags und Freitags Vormittags unter Volldampf geht und seine Passagiere zum Wochenmarkt in die ostfranzösische Stadt Saargemünd bringt.

Der stolze Raddampfer «MS Schlendrian», der neu gegründeten Saar-Dampfschifffahrtsgesellschaft wartet am Saargemünder «Kai des Schlendrians», wie der Schiffsanleger von den Stadtvätern Saargemünds zum Gedenken an die einstmals hier in der Region lebenden Tempelritter des großen Schlendriansgeschlecht, genannt wurde. Volle drei Stunden dauert der Aufenthalt damit die Passagiere ihre Einkäufe auf dem Saargemünder Wochenmark in aller Ruhe erledigen können. Der blaue Hai, Kapitän zur Saar Hinrich Shark verbringt dann die meiste Zeit in einem nahegelegenen Bistrot und unterhält die Gäste dort zumeist mit spannenden und wahren Saar-Geschichten, die er auf der Mutter aller Flüsse erlebt hat. Mit 230 Passagieren an Bord und zwölf weiteren im Beiboot «Der kleine Lump» ist der weiße Raddampfer immer dann restlos ausgebucht, wenn der Großhumpendorfer Chronist, Studienrat Ernst Nonsens mit an Bord geht und den Fahrgästen die interessante Geschichte der oberen Saar nahe bringt.

An diesen Tagen fährt sogar die Saarbahn meist leer nach Saargemünd und wieder zurück, denn mit dem konkurrenzlos günstigen Preis der Schiffspassage kann die teure blau-weiße Saarbahn einfach nicht mithalten. Kurz nach dem Ablegen passiert die «MS Schlendrian» die «Ecluse de Sarreguemines» die erste von zwei Schleusen die bis nach Großhumpendorf zu passieren sind. Jetzt kommt das deutsche Eck der Saarländer, die Bliesmündung in Sicht. Studienrat Ernst Nonsens erzählt seinen erstaunten Passagieren, das Oskar Lafontaine in seiner Zeit als Ministerpräsident der Saar sich hier als Sphinx in Stein verewigen wollte und die Bliesmündung in Kap der guten Saarhoffnung umbenennen wollte. In mondhellen Nächten erscheine hier auch Tempelritter Schlendrian der Mächtige mit seinem treuen Keiler, dem dicken Adalbert, um nach dem rechten zu sehen, erfahren die aufmerksamen Passagiere ebenso, wie die Tatsache, dass der Hunnenkönig Attila hier die Saar in Richtung Westen überquert hat um die Loirestadt Orleans zu plündern. «Hier an der wild romantischen Saar existierte noch in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Fähre im kleinen Grenzverkehr zwischen dem Saarland und Frankreich, die leider eingestellt wurde als die «Pont des Prusse», die preußische Brücke wieder aufgebaut war», erfahren die Fahrgäste ebenso aus dem berufenen Mund von Studienrat Ernst Nonsens.

Schon bald kommt die Zweite, die Welferdinger Schleuse in Sicht. Hier muss die «MS Schlendrian» die niedrigste Brücke auf ihrer Reise unterqueren. Fachkundig wird der mächtige Schlot des einzigen Raddampfers auf der Saar nach hinten weggeklappt und Ernst Nonsens erzählt ein wenig aus der Geschichte, der hier auf einer kleinen Insel inmitten der Königin der deutschen Ströme stehenden und zu Frankreich gehörenden, alten Welferdinger Mühle. Hier wurde nicht nur Getreide gemahlen, sondern auch Elektrizität erzeugt, französische Volt und Ampere flossen in deutsche Steckdosen. Aber nur bis das Saarland 1935 mal wieder «Heim ins Reich» wanderte. Dann wurde von den neuen Machthabern der blau-weiß-rote Strom gekappt und Großdeutsche Spannung auf die Steckdosen der Anrainergemeinde gelegt, aus denen von nun an unter brauner Spannung standen.

Nach passieren der Welferdinger Schleuse taucht die «MS Schlendrian» in die sanfte Auenlandschaft der ehemaligen Grafschaft Aurica ein. Vorbei geht's es an einem Anglerparadies und hin und wieder schreckt Kapitän Shark auch mal ein Liebespaar mit dem Nebelhorn aus einem Gebüsch und fordert seine Passagiere dazu auf, dem erschreckten Paar etwas Beifall zu spendieren. Die Schlendriansweide, ein gewaltiger und imposanter Weidenbaum bildet die Grenze zwischen der ehemaligen Grafschaft Aurica und der Gemeinde Großhumpendorf. Hier weis Studienrat Ernst Nonsens zu berichten, dass sich im Schatten der Schlendriansweide heute noch Elfen und Feen versammeln und gemeinsam mit den alten Tempelrittern hier die Orgien feiern, die im Mittelalter zur Auflösung des Templerordens geführt hatten. Auch Bürgermeister Edgar Lump, der Repräsentant Großhumpendorfs nehme des öfteren an diesen geheimnisvollen Orgien teil, weis Ernst Nonsens noch zu berichten.

Mit dem Erreichen des Großhumpendorfer Europakais ist die romantische Saarfahrt auf der «MS Schlendrian» fast beendet, währe da nicht noch die einzige Personenkontrolle auf der Reise von den Passagieren zu durchlaufen. Hermann und Herminchen, zwei hier lebende Graugänse fordern ihren Tribut und nur wer beim Verlassen des Raddampfers einen Keks in der Hand hält wird auch zügig von ihnen abgefertigt. Passagiere, die nicht sofort spendenbereit sind, müssen damit rechnen von Hermann und Herminchen auch mal kräftig in ihre Waden gezwickt zu werden.

Die «MS Schlendrian» wird im Winterhalbjahr auf große Europafahrt gehen. Unter Volldampf geht es über die französischen Kanäle, zunächst in die Lichterstadt Paris und von dort aus in Richtung Süden ans Mittelmeer. Pünktlich zu Ostern 2007 wird die «MS Schlendrian» wieder am Großhumpendorfer Anleger zurückerwartet. In Ännchens Kneipe am Dorfbrunnen kann man dann erfahren, was Kapitän Shark und seine Besatzung so alles in der Ferne erlebt haben und Studienrat Ernst Nonsens wird die wahren Abenteuer ins Großhumpendorfer Geschichtsbuch eintragen.

Au, den 18. September 2006

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