17/9/2006

«Schlendrian ahoi»

Ein Gruß der Großhumpendorfer an ihre hoch geschätzte Landesregierung

Von Claude Michael Jung

Da lag er nun am Großhumpendorfer Europakai an der Leine, der stolze Raddampfer, der neu gegründeten Saar-Dampfschifffahrtsgesellschaft und niemand war in der Lage als Kapitän auf die Brücke zu gehen und mit der «MS Schlendrian» unter Volldampf die Wogen der Saar zu durchpflügen. Strahlend weiß glänzte der genietete Rumpf und die rot weißen Aufbauten in der Sonne. Aber mehr wie Sonntags den Kessel anzuheizen und mit dem Nebelhorn die Enten auf der Mutter aller Flüsse zu erschrecken, war nicht drin. Es fehlte eben das wichtigste, was ein Schiff braucht, ein Kapitän. Die nautischen Kenntnisse der Großhumpendorfer reichten zwar aus ein Drachenboot oder eine Luftmatratze auf der Saar zu manövrieren, aber für einen eisernen Koloss wie den Schlendrian, der auch noch am Bug über eine Kanone verfügt, reichte es nicht einmal bei Studienrat Ernst Nonsens aus, um das Kommando zu übernehmen.

Zwar bemühte sich die Bundesanstalt für Arbeit (BA) mit ungeheuerem Eifer und Elan darum, einen geeigneten Kapitän zu vermitteln, es kamen auch gleich dutzendweise Lehrer, Mathematiker, Maurer, Landschaftsgärtner und sogar einige Kellner mit Abitur zum Vorstellungsgespräch in die, im Keller des Großhumpendorfer Rathauses angesiedelte neue Saar-Dampfschifffahrt-Reederei, jedoch ein geeigneter Kapitän mit Erfahrung in der Personenschifffahrt war nicht dabei. Doch wo ein, vom Fußball begeisterter Lump Bürgermeister ist, ist auch immer ein Steilpass in Sicht. Die vom Großhumpendorfer Gemeinderat eingesetzte «Kapitänfindungskommision» bestehend aus Bürgermeister Lump, dem Dorfchronisten, Studienrat Ernst Nonsens und Pastor Friedensreich Selighauer landete nach Wochen ergebnisloser Suche schließlich genau dort, wo die besten Kapitäne der Welt anzutreffen sind, auf Sankt Pauli. Dort am Millerntor der Heimat des FC. Sankt Pauli fand die Suche nach einem geeigneten Kapitän mit Lebenserfahrung in der Person von Kapitän Hinrich Shark ein Ende. Der blaue Hai, wie die Sankt Paulianer den erfahrenen Seemann nennen, hatte all das, was ein echter Kapitän für die MS Schlendrian so braucht und noch viel mehr. In seiner Biographie ist zu lesen, das Kapitän Hinrich Shark mehrmals das Kap Horn umrundete, rückwärts, seitwärts und sogar einmal kieloben. Der Klaubautermann hatte gehörigen Respekt vor dem blauen Hai und sämtliche Nixen und Meerjungfrauen waren ihm verfallen. Ein echter Seeheld von altem Schrot und Korn wechselte an die Saar, er schwor dem Grog ab und leistete einen heiligen Eid auf die Humpenkultur.

«Leinen los Schiff ahoi» hieß es am 1. Mai 2004, als die «MS Schlendrian» zum ersten mal auf große Fahrt vom Großhumpendorf saaraufwärts in Richtung Saargemünd ablegte. Das Humpenbanner flatterte munter am Heck und mit der große Kanone am Bug feuerte Pastor Friedensreich Selighauer 21 Schuss Salut zur Feier des Tages und zur Warnung entgegenkommender Schiffe über die Köpfe, der am Ufer stehenden Schaulustigen aus aller Welt ab. Das der «Kanonier Gottes» bei seiner artilleristischen Meisterleistung sogar den Wetterhahn vom Glockenturm der, mit Großhumpendorf schon seit Jahrhunderten verfeindeten Gemeinde Schlemmerbach, gefegt hat, brachte Pastor Selighauer sogar große Anerkennung innerhalb der deutschen Bundesmarine und der NATO ein.

Die Gicht der Saar schäumte um den Bug der MS Schlendrian, zehntausende säumten die Ufer, Großhumpendorf erlebte ein Schauspiel, wie es ansonsten nur der Hamburger Hafen vermelden kann, wenn die «Queen Mary II» mal wieder zur Reparatur eine Hamburger Werft aufsuchen muss. Auf dem Sonnendeck drängte sich die Saar Prominenz mit gefüllten Humpen und den echten Großhumpendorfer Brezeln in der Hand. Der vollständig vertretenen Landesregierung wurde eine besondere Ehre zuteil. Kapitän Shark befahl schon wenige Minuten nach dem die «MS Schlendrian» den Europakai verlassen hatte, den Meeresgott Neptun mit seiner Gemahlin Thetis aus den Weiten des wilden Ozeans an Bord und unterstellte das Schiff deren Herrschaft. Da half kein Bitten und kein Flehen, bevor die «MS Schlendrian» die französische Grenze erreichte, wurde die beste Landesregierung aller Zeiten der strengen Prozedur einer traditionellen Saartaufe unterzogen. Saarchef Peter Müller und seinen Ministerriege wurde äußerlich von allen politischen Verschmutzungen gereinigt und die Saarregierung musste öffentlich, ausnahmslos sämtliche begangenen Sünden bekennen. Neptun war eigentlich überzeugt, dass hier eine Saartaufe bei weitem nicht ausreicht und nur Pastor Selighauer ist es zu verdanken, dass Neptun ausnahmsweise auf ein kielholen der Landesregierung verzichtete.

Seit 1994 durchpflügt nun der Raddampfer MS Schlendrian die Wellen der Saar. Im Liniendienst verbindet das stolze Schiff an Markttagen die Gemeinde Großhumpendorf mit der nahe gelegenen ostfranzösischen Stadt Saargemünd. Aber auch Sonderfahrten stehen auf dem Programm der Großhumpendorfer-Dampfschifffahrtsgesellschaft. So geht es Sonntags den Bach hinunter bis zur Moselstadt Trier oder ins luxemburgische Remich. Passiert der Schlendrian aber die saarländische Landeshauptstadt Saabrigge kommen die Passagiere in den Genuss eines besonderen Schauspiels. Kaum ist die Palaverbude, im offiziellen Sprachgebrauch auch als Landtag bekannt in Sicht, kommt rabenschwarzer Rauch aus dem Schlot des Schlendrian und hüllt das Parlament der Saarländer vollständig ein. «Es ist das Zeichen der Ehrerbietung, die die Großhumpendorfer ihren Parlamentariern entgegenbringen» sagt Studienrat Ernst Nonsens etwas verschmitzt und jedem der es nicht weitererzählt vertraut er an: «Kommt der Landtag in Sicht und der Wind steht günstig verfeuern wir im Heizkessel immer sechs bis acht alte Autoreifen als Gruß der Großhumpendorfer an das dort versammelte Gammelfleisch».

Au, den 17. September 2006

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