15/2/2007

Ritter Schlendrians Tortur

«Grober Klotz, wir schoben Dich»

Von Claude Michael Jung

Der Jakobsweg (span. Camino de Santiago) war im Mittelalter, nach heutigen Gesichtspunkten betrachtet, eine Autobahn der Sünden. Aus allen Teilen der damals bekannten Welt machten sich die Sünder nach Santiago de Compostela zum Grabmal des Apostel Jakobus auf, um zu einem vollkommenen Ablass zu gelangen. Zwar ist der Apostel Jakobus im Jahre 44 in Jerusalem hingerichtet worden, er wurde die Mauern des Tempel hinabgestürzt, danach mit einer Keule erschlagen und anschließend geköpft. Nach der Eroberung großer Teile Spaniens durch die Mauren tauchte er jedoch wieder quicklebendig in Spanien auf und soll Berichten von Zeitzeugen zufolge, versucht haben die heidnischen Mauren zu bekehren. In einem maurischen Heerlager in der Nähe von Toledo bezeichnete er in einem Streitgespräch mit einem Gelehrten aus Damaskus, den Islam als eine verderbliche und kriegerische Religion, die zu allem Übel auch noch den Alkohol als Getränk des Geistes verächtlich mache. Der maurische Heerführer Abd el Backschisch, der die Islamanfeindungen mit anhören musste, bestellte fix den Henker und der Apostel Jakobus wurde erneut zum Märtyrer. Abd el Backschisch verkaufte den Leichnam des Apostels an einen christlichen Reliquienhändler und so wanderten seine Gebeine in den äußersten Nordwesten Spaniens, wo sie um 840 unter König Alfonso II. von Asturien erneut «aufgefunden» wurden. Seit etwa 930, nachdem Nordspanien geschlossen dem christlichen Herrschaftsgebiet eingegliedert wurde, sind vereinzelt Pilger aus Aquitanien und dem damals schon besonders sündigen Bodenseegebiet und Sachsen nachgewiesen. Später wurde das Apostelgrab zum Wallfahrtsort der gesamten sündigen Christenheit. Etwa im Jahre 1077 wurde in Santiago de Compostela mit dem Bau einer romanischen Kathedrale begonnen, die im Jahre 1120 auch Thron eines Erzbischofs wurde.

Einer der prominentesten Sünder des Mittelalters war Ritter Schlendrian von der Humpenburg an der Saar. Sein Beichtvater, der Mönch Blasius hatte alle Hände voll zu tun, um ihm die täglich mehrmals notwendige Absolution zu verpassen. Es kam allerhand zusammen, Trunksucht, Völlerei, das Verschlafen der heiligen Messe und so weiter. Schlimmer jedoch waren die Sünden gegen das Keuschheitsgebot. Fortgesetzter Ehebruch in Tateinheit mit lüsternen Gedanken, unkeuschen Worten und sogar in seinen Träumen verstieß Ritter Schlendrian gegen alles, was das Keuschheitsgebot so verlangte. Als der fromme Mönch Blasius den Burgherrn jedoch in der Scheune mit einer bildschönen Magd inflagranti beim Sündigen ertappte, der arme Mönch erblindete fast beim Anblick von soviel Anmut und weiblicher Unkeuschheit, war es vorbei mit der täglichen Absolution. Jetzt half nur noch der totale Ablass, verbunden mit einer Strafpilgerschaft nach Santiago de Compostela zum Grabmal des Apostel Jakobus.

Nach den damaligen Pilgerrechten war es zwar möglich einen Stellvertreter gegen Bezahlung auf die lange Reise zu schicken, jedoch Schlendrians gute Freunde waren mit anderen wichtigeren Dingen beschäftigt. Ritter Dudo von Dudweiler weilte gerade an der Mosel zur Brautschau und der vornehme Watzmann von Kalaumes musste das Bett hüten, er war vom Pferd gefallen und hatte sich ein Bein und drei Rippen gebrochen, als er wieder einmal auf der Flucht vor einem gehörnten Ehemann war. Selbst Michel, der Graf von Aurica, der engste Vertraute und beste Kumpel Ritter Schlendrians war nicht in der Lage eben mal kurz nach Santiago de Compostela zum Grabmal des Apostel Jakobus zu pilgern, um die Sünden des tollen Saarritters dort gegen einen Premiumablass abzuliefern. Der Graf von Aurica war nämlich in einen Jungbrunnen gefallen, er spielte wieder mit Puppen, trug Windeln und wurde im Kinderwagen durch seine Grafschaft gefahren. Einem Knappen oder gar einem Bauern konnte Ritter Schlendrian sein langes Sündenregister ebenfalls nicht anvertrauen, also blieb ihm nichts anderes übrig als widerwillig seine Klamotten zu packen.

Es war, wie damals schon bei Saarländern üblich, nicht nur seine sieben Sachen auf die Reise mitzunehmen, es musste alles mit, was ein echter Ritter von der Saar unterwegs für alle Fälle dringend benötigen könnte. Schwere Kaltblüter und Ochsen waren nötig, die große Karawane der Sünde in den Südwesten Europas zu ziehen und es ging nicht alles glatt. Nach drei Tagen Pilgerreise kam das Kommando «Halt -Kehrt- Marsch». Der edle Ritter hatte, typisch für einen Schlendrian, einfach vergessen seiner Gemahlin den Keuschheitsgürtel anzulegen und auf die Keuschheit seiner Gemahlin legte Ritter Schlendrian großen Wert. Auch wollte er seine holde Göttin als wahrer Ritter und Edelmann davor bewahren, ebenfalls zu einer Strafpilgerexpedition nach Spanien aufbrechen zu müssen. Zwei volle Tage war Ritter Schlendrian damit beschäftigt in seiner Kemenate nach dem Werkzeug der ehelichen Treue zu suchen, dann aber war es gefunden, vom TÜV auf Tauglichkeit geprüft und sachgemäß angelegt. Erneut konnte die Wallfahrt beginnen.

Die Reiseroute führte zunächst nach Süden. Entlang der elsässischen Weinstraße war das Pilgern schon damals sehr angenehm. In den Herbergen gab es die köstlichsten Sauerkrautplatten und bereits im Mittelalter stand das elsässische Bier, gleich nach dem Humpenbräu von der Saar in allerhöchsten Ansehen. Herrliche Weine lässt der liebe Gott hier wachsen und für Ritter Schlendrian und sein Gefolge, deren Kehlen vom vielen beten stets ausgetrocknet waren, erwiesen sich Riesling, Sylvaner, Edelzwicker und Gewürztraminer als eine Labsal, die es verdiente heilig gesprochen zu werden. Ritter Schlendrian fasste den Plan, gleich nach seiner Rückkehr den Mönch Blasius nach Rom zum Papst zu senden, um den Pontifex maximus zu bitten, die Elsässer Weine in die katholische Heiligenschar aufzunehmen. Unter den Pilgern von der Saar stand fest, Sankt Riesling musste die erquickende Köstlichkeit des Elsass von nun an bis in alle Ewigkeit genannt werden.

In Colmar gesellten sich zahlreiche weitere sündenbeladene Pilger zum großen Treck der Vergebung. Bayern, Tiroler, Ossis und vor allem viele Sünder aus Schwaben kamen hinzu. Gemeinsam zog man über die Vogesen. 40 Wagen westwärts wurden amtlich gezählt, die pünktlich zum Weinfest in der burgundischen Stadt Vezelay zum Zählappell eintrafen. Vezelay war im Mittelalter ein Treffpunkt der Jakobspilger im Herzen Frankreichs. Hier trafen die Sünden aus dem Norden und Osten zusammen und große Werke der Weltliteratur wie zum Beispiel «Erfolgreich sündigen» und «Das Weib, die schönste Sünde» wurden hier nicht nur geschrieben, sondern auch massenhaft in den Pilgershops, neben Rosenkränzen und Reisegebetbüchern feilgeboten. Überall in der Stadt hingen Transparente, die den edlen Ritter Schlendrian willkommen hießen «Bienvenue Chevalier Schlendrian» war überall zu lesen, wo der große Herr der Saar auftauchte.

Als auch noch eine große Pilgerschar aus Irland und den Niederlanden eingetroffen war leerten sich die Weinkeller der Region rapide. Ritter Schlendrian setzte sich an die Spitze eines fast tausendköpfigen Pilgerzuges und die Sünden Nord und Zentraleuropas nahmen Kurs auf die spanische Grenze. In der Stadt Cognac wurde die stärke des gleichnamigen Schnapses gelobt und gepriesen, etwas später wurde dem Armagnac gehuldigt und auch die Winzer Bordeauxs kamen keinesfalls zu kurz. Eine böse Überraschung wartete allerdings in den Pyrenäen auf die edlen Chevaliers. Hier, ab der spanischen Grenze mussten die Ritter von ihren Pferden steigen und ebenso wie das gewöhnliche Fußvolk den Staub des Jakobsweges kennen lernen. Besonders für Ritter Schlendrian, der sogar in seiner Saarheimat stets vom Rücken seines Pferdes aus zu angeln pflegte, war das ein Schock. Es ist überliefert, das Heinrich, das Streitross des Herrn der Saar, ein breites Grinsen gezeigt haben soll, als sein Herr und Meister von nun per Pedes neben ihm herlaufen musste. Hier an der spanischen Grenze begann Ritter Schlendrian damit, seine begangenen Sünden aufrichtig zu bereuen und die gesamte Wallfahrt ging als «Schlendrians Tortur» in die Geschichte der Jakobspilger ein.

Schon nach wenigen Kilometern war Ritter Schlendrian am Ende seiner Kräfte angelangt. Er musste geschoben, gezogen, gestützt und manchmal sogar einen Berg hinunter und die nächsten wieder hinauf gerollt werden. Es herrschte jedoch große Solidarität unter den Pilgern und den Dienst am Herrn der Saar übernahmen alle Pilgergruppen gleichermaßen, sogar Pfälzer sollen sich gerüchteweise am großen Akt der christlichen Nächstenliebe beteiligt haben. Hier soll auch die erste Strophe des später so berühmten Schlendriansliedes, das auf die Melodie des christlichen Lobgeanges, des Te Deums, bis heute noch gesungen wird, entstanden sein. «Grober Klotz wir schoben Dich», sangen zumindest die Pfälzer und Schwaben zur Abendstunde in den Herbergen entlang des Camino de Santiago.

Eine große Plage für die frommen Pilger waren besonders die Wegelagerer in Cantrabien und Asturien. Braunbären, nicht immer sittsam und brav, bestanden überall am Wegesrand auf Spenden für ihre hungrigen Mägen und waren noch lange nicht mit jedem Bissen zufrieden. Einem Pfälzer der einem Bären sein drei Tage altes Leberwurstbrot andrehen wollte, wurde übel mitgespielt. Der braune Zottel beraubte den Kerl seiner Kleider und gab diese erst dann wieder heraus, als der Pfälzer Geizkragen ihm einen großen Topf Honig vorsetzte. Ritter Schlendrian, schon fast von seinen Sünden geläutert, übte sich den Bären gegenüber in einer großzügigeren Spendenpraxis. Als Sancho, der Bärenkönig von Asturien ihn freundlich um eine milde Gabe bat, wurde das vorletzte Fass mit original Humpenbräu von der Saar angeschlagen und Bärenkönig Sancho zeigte was in einen echten Bären hineingeht. Von nun an tanzte der Bär auf dem Jakobsweg, denn Sancho ließ es sich nicht nehmen, Ritter Schlendrian bis nach Santiago de Compostela zu begleiten.

Mit letzter Kraft wurde Ritter Schlendrian, der Herr der Saar in die große Kathedrale von Santiago vor das Grab des Apostel Jakobus geschoben, wo er fix und fertig niedersank und seine Knochen zu zählen begann. Dann aber ertönte die große Orgel, Posaunen drangen an das Ohr des Herrn der Saar und Ritter Schlendrian vernahm zum ersten mal das großartige Schlendrianslied. Zu seinen Ehren sangen 1500 fromme Pilger, der größte Männerchor der Welt:

«Grober Klotz, wir schoben Dich,
Sack, wir preisen Deine Stärke
Vor Dir beugt der Erdkreis sich
und bewundert Deine Werke.
Wie Du warst zu aller Zeit,
so bleibst Du in Ewigkeit.
 
Alles, was Dich preisen kann,
Rittersmann und Mägdelein,
stimmen Dir ein Loblied an,
alle Mägde, die Dir dienen
rufen Dir stets ohne Ruh
«Schlendrian, mein Schluckspecht» zu
 
Heilig, Herr, die Wampe Dir,
großer, Herr, der Fässerheere,
starker Helfer in der Not!
Himmel, Erde, Luft und Meere
sind erfüllt von Deinem Ruhm,
jedes Fass, Dein Eigentum!
 
Schlendrian, erbarme Dich,
über uns sei stets Dein Segen;
Deine Wampe zeige sich
uns auf allen unsern Wegen;
auf Dich hoffen wir allein,
lass uns nicht verloren sein!»

Ritter Schlendrian verweilte fast zwei ganze Monate in der großen Pilgerstadt. Versehen mit einem kompletten Ablass und wieder hoch zu Ross ging es dann Richtung Heimat. Auf der Humpenburg, hoch über der Saar, wurde ihm ein großer Bahnhof bereitet. Auf mysteriöse Weise ist in der Nacht der Heimkehr Ritter Schlendrians der fromme Mönch Blasius den Märtyrertod gestorben. Niemals wurde geklärt wer dem Mönch den Kopf abgeschlagen hat und ihn in den Burggraben geworfen hat. Die Chronik der Humpenburg verzeichnet jedoch, das Ritter Schlendrian zum Gedenken an seinen Beichtvater, der ihm die Reise nach Santiago de Compostela verordnet hatte, eine geweihte Kerze angezündet hat. Mit welcher seiner wunderschönen Mägde Ritter Schlendrian die Nacht seiner Heimkehr gefeiert hat, ist nicht überliefert, fest steht jedoch, der Mönch Blasius hat Ritter Schlendrian nie wieder beim sündigen erwischt.

Au, den 15. Februar 2007

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